Mein Name ist Jessica Müller und ich arbeite offiziell seit dem 1. August 2017 bei der Firma Braintower. Zuvor habe ich schon ein Praktikum absolviert, um vor der regulären Ausbildung einen Einblick in meine Tätigkeiten zu erhalten.

Ich habe vor meiner Ausbildung studiert, jedoch recht schnell erkannt, dass es nicht wirklich das ist, was ich möchte. Mir fehlte die Praxis, die Möglichkeit Dinge zu bauen und einfach etwas machen zu können, abgesehen davon Stunden lang in irgendwelchen Hörsälen zu sitzen.

Somit kam es dann dazu, dass ich mit einem Systemintegrator aus meinem Freundeskreis auf das Thema Ausbildung als Systemintegratorin versus Studium kam. Er zeigte mir die positiven und negativen Seiten seines Berufs auf und ließ mich an seiner Arbeit teilhaben. Ich entschied mich direkt für die Ausbildung als Systemintegratorin zu bewerben. Mir war schon vorher bewusst (und es wurde mir regelrecht immer wieder eingebläut), dass Frauen es in einer solchen Sparte, in einem „typischen Männerberuf“, nicht leicht haben. Zum einen aus eigener Erfahrung von Freunden aus der IT, zum anderen auch von öffentlichen Diskussionen im Internet und sogar durch die eigene Familie.

Bevor ich zu diesem Bewerbungsgespräch eingeladen wurde, hatte ich schon nicht ganz so erfreuliche Erfahrungen in einer anderen Firma gemacht, in der ich mich ebenfalls als Systemintegratorin beworben hatte. Hier wurde ich jedoch als Frau darauf reduziert, dass ich bestimmt viel und gut reden könnte und erhielt daher ein Jobangebot für den Vertrieb über das Telefon. Mit all diesem Wissen im Hinterkopf landete ich dann bei der Firma Braintower, in einem Bewerbungsgespräch zwischen sieben anderen Männern – so wie es bisher auch immer war.
Letzten Endes konnte ich alle Instanzen überwinden und erhielt meinen Ausbildungsplatz.

Anfang August kam ein Kollege zu mir und erzählte mir von einem Dokument eines Google-Mitarbeiters und der darin enthaltenen Meinung zu Frauen in technischen Berufen. In dem Dokument geht es um biologischen Unterschiede zwischen Männern und Frauen, die nicht nur sozial konstruiert sind. Dabei zählt er auch auf, dass Frauen ihre Offenheit eher gegenüber Emotionen und Ästhetik zeigen, anstatt Ideen gegenüber. Auch weißt er daraufhin, dass Frauen eher Interesse an Menschen, als an Dingen haben und dementsprechend Frauen in sozialen Berufen besser aufgehoben seien, als in technischen. Ein weiterer negativer Punkt für Frauen in einem solchen Job sieht er darin, dass Frauen neurotisch sind, dementsprechend eher zu erhöhter Angst neigen und mit Stress schlecht zurechtkommen. Dies sieht er auch als Rechtfertigung an, warum Frauen nicht so oft in höheren Positionen vertreten sind.

Dieses Dokument führte zu einer weitverbreiteten Diskussion, ob Frauen wirklich nicht geeignet sind für einen Beruf in der IT. Der Verfasser und Mitarbeiter von Google wurde mittlerweile entlassen.

Wenn man als Frau wirklich die Entscheidung trifft in einen solchen Beruf einzusteigen, kann sie damit rechnen auf Widerstände zu stoßen. Dies begann bei mir sowohl in der eigenen Familie, als auch in den absolvierten Praktika. Als Frau wird man anfangs meist belächelt und muss sich mehrfach beweisen, um akzeptiert und ernst genommen zu werden. Abgesehen von einem komplett anderen Umgangston, ist es auch eine Überlegung wert, was man trägt und wie man sich gibt. Denn für manche Männer kann das als Einladung aufgefasst werden weiter zu gehen, als für mich, als Frau akzeptabel ist. Auch hier spricht die eigene Erfahrung: Zur Zeit des Praktikums in einer anderen Firma, wurde ich sehr direkt angesprochen, ob ich nicht viel Geld besitze, da ich relativ schlicht herumgelaufen bin. Jeans, T-Shirt und fertig war mein Outfit. Mir wurde im Nachhinein geraten, als Frau meine Reize zu nutzen, mich schicker anzuziehen und mich stärker zu schminken, da ich dann damit größere Chancen hätte etwas zu erreichen. Immer wieder kommt es auch zu Sprüchen, die man vielleicht als Frau nicht ganz so scherzhaft sehen kann, wie es ein Mann in einem solchen Beruf getan hätte. Gerade wenn es sich auf technische Dinge bezieht und man so eher den Drang hat sich zu beweisen und man sich selbst dumm hingestellt fühlt. Aber all das sollte man sich vorher klar machen und überlegen, ob man selbst bereit ist sich dem entgegenzusetzen. Natürlich muss das alles nicht auftreten – aber es kann leider immer wieder passieren.

Abgesehen davon gibt es aber natürlich auch Vorteile mit so vielen Männern gleichzeitig zu arbeiten. Ein, für mich sehr wichtiger Punkt ist, dass die meisten Männer schlichtweg über einen dummen Spruch hinwegsehen und nicht wegen jeder Kleinigkeit Streit suchen. Ebenfalls finde ich es persönlich sehr angenehm auch als Azubine eine Stimme zu haben um meine Meinung mitzuteilen, Vorschläge einzubringen und nicht einfach übergangen zu werden. Dazu gehört auch die Tatsache, dass Frauen Probleme teilweise anders angehen und somit eine andere Sichtweise mit einbringen als Männer und somit jede Firmenstruktur sinnvoll ergänzen.

Ich persönlich denke, dass Frauen viel öfter einfach mal eine Chance verdienen zu zeigen was sie können und wofür sie sich interessieren. Auch wenn das bedeutet, dass sie etwas „nicht-typisch-weibliches“ machen. Und einfach nur als Mensch, als Kollegin angesehen werden.

Ich meine, ich konnte mich gegen etliche, hauptsächlich männliche Bewerber durchsetzen und erledige meine Arbeiten so gut wie meine restlichen Kollegen in der Ausbildung. Wieso sollten es andere Frauen dann nicht auch schaffen?

Jessica Müller

Jessica Müller

Auszubildende

Wer Jessica kennenlernt bekommt schnell den Eindruck, dass sie geboren wurde um Hindernisse zu überwinden. Egal ob beim Klettern, Tanzen, oder Motorradfahren. Wen wundert‘s, dass sie mit demselben Ehrgeiz auch die Ausbildung in einer klassischen Männerdomäne anpackt: Geht nicht, gibt’s nicht!

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